EIN TEIL AUS DAS BUCH:
DIE VOM TODEN WIEDERKEHRTEN.
TEIL 1:
Das Hinübergehen von Priester X und seine Wiederkehr 1)
Viele Wundererlebte ich durch
meine Gaben; doch was ich in dieser Situation mit
einem meiner Patienten erlebte,
war nicht nur wunderlich, sondern ich lernte dadurch, wie groß die Kräfte der Menschen
sein können, wenn sie das Zeitliche segnen und ein fruchtbares Leben vollbracht haben.
Das Hinübergehen bedeutet für den einen Glück, für den anderenTraurigkeit, Leid und
Schmerz und tiefe Finsternis. Doch diejenigen, die Liebe besitzen und dem Leben,
wie es auf sie zukommt, aufgeschlossen sind, sind dieGlücklichen im Jenseits; und
sie werden Licht sehen und viel Liebe empfangen, welche sie in ihrem Leben auf Erden
so vielen gegeben haben. Gott weiß, wie ihr Leben gewesen ist, und der geistigen
Kraft entsprechend wird ihnen gegeben.
Eine Patientin kam zu mir mit der Bitte, um
anhand eines Fotos eine Diagnose für jemand anders zu stellen. Ich nahm das Porträt
in meine Hände, und nach einigen Minuten hörte ich meinen Führer Alcar sagen: „Da
ist nichts mehr zu machen. Die Krankheit ist in einem zu weit fortgeschrittenen Stadium;
er wird daran sterben. Sage ihr, dass du ihn nicht heilen kannst. Trotzdem wirst
du ihn behandeln, falls sie es
wünschen.“ Ich teilte dies der Dame mit, doch meine
Besucherin erwiderte: ,,Wie viel Mühe habe ich mir nicht gegeben, um ihn so weit
zu kriegen.Dieser Mann ist ein Priester und sein Glaube hält ihn davon ab. Und jetzt,
wo ich ihn überredet habe, können Sie ihm nicht einmal helfen?“ „Ich kann ihm helfen“,
sagte ich, „doch ich werde ihn nicht heilen.“
„Das enttäuscht mich bitter“, fuhr
sie fort, „wir wollen ihn so gerne behalten. Ach, er ist ein so guter Mensch. Es
wird ihn aber auf jeden Fall erleichtern, wenn Sie ihm helfen.“ „Das auf jeden Fall“,
sagte ich. „Aber Sie dürfen seinen Familienamen. Auf Wunsch der Hinterbliebenen lasse
ich die Initialen ihres hinübergegangenen Vaters weg. gehörigen nichts davon sagen,
sie dürfen es nicht wissen. Doch nun etwas anderes. Ich muss in einem Monat die Stadt
verlassen.“ „Dauert es lange?“, fragte sie. „Drei Wochen.“ „Ja, was nun? Dann werde
ich ihn doch mal zu Ihnen bringen; dann ist der Kontakt gelegt und können Sie, wenn
Sie zurück sind, gleich wieder beginnen.“ „Oh, das ist mir recht“, gab ich zur Antwort.
„Ist es ernst?“ „Ja, sehr ernst.“
Einige Tage waren vergangen, als mich eines Nachmittags
der Kranke aufsuchen kam. Es war ein hagerer Mann, aber eine schöne Erscheinung.
Es ging etwas von ihm aus, was ich sofort erfühlte. Er hatte schöne blaue, vor Liebe
strahlende, kindliche Augen. Er legte sich nieder, um behandelt zu werden; und er
war offenbar sehr gespannt, wie dies vor sich gehen würde, da er noch niemals magnetisiert
worden war. Doch er gab sich willig hin, schloss die Augen und öffnete sich mir gänzlich.
Nach der Behandlung, die ihm gut tat, sagte er: „Sehen Sie sich einmal meine Hose
und meine Jacke an, ich passe da wohl zweimal hinein, denn ich bin sehr abgemagert.“
Dabei musste er über seine eigene Figur lachen. Er hatte eine andere Nationalität
und sprach gebrochen Holländisch mit einem eigenartigen Akzent; doch so gut und mit
solch sympathischer Stimme, dass jedermann ihn sofort mochte, wenn man ihn sprechen
hörte.
„Ganz reizend“, dachte ich, „angenehm, ihn zu hören.“ „Ich bin ruhig geworden“,
sagte er, „es hat mir gut getan; Sie haben viel Kraft.“ Nun hatte ich von einer meiner
Patientinnen ein Christusbild bekommen, welches diese selbst für mich angefertigt
hatte. Darauf blickte er und fragte: „Sie sind gläubig?“ „Ja“, antwortete ich, „ich
bin sehr gläubig.“ „Ein schönes Bild. Ein großer Künstler, der es schuf, prächtig.“
In jenem Wort ,,prächtig“ – so wie er es aussprach – lag seine ganze Persönlichkeit.
„Großartig“, sagte er wieder, „sehr gefühlvoll.“ Darauf ging er fort. Als er zum
zweiten Mal wiederkam, galt sein erster Blick dem Christus; das Bild des vollkommenen
Kindes Gottes interessierte ihn besonders. Ich konnte das verstehen, denn er war
schließlich ein Priester.
„Es hat mir gut getan“, so begann er, „sehr gut. Ich bin
froh, dass ich mich entschlossen habe, mich von Ihnen behandeln zu lassen. Wissen
Sie, dass ich ein Priester bin?“ „Ich habe so etwas bereits vernommen.“ „Ach“, lächelte
er, „von ihr.“ „Ja“, sagte ich, „sie hat es mir erzählt.“ „Welch ein prachtvolles
Lächeln“, dachte ich, „damit stiehlt er sich in die Herzen aller.“ Wer ihn lächeln
sah, der spürte einen Strom der Liebe durch sich hindurchgehen. „Ich habe mich noch
nie diesen Dingen hingegeben, aber Ihnen vertraue ich vollkommen!“ Ich dankte ihm
für dieses Kompliment und ging zur Behandlung über. Während der Behandlung spürte
ich, dass er seinen Blick auf das Christusbild gerichtet hielt und dass ich tief
in ihn vordringen konnte. Auf diese Weise einem Menschen helfen dürfen, ist ein herrliches
und großes Glück. Meine Ausstrahlung und meine magnetischen Kräfte sog er in sich
auf, und das würde ihn erleichtern. Gleichzeitig spürte ich, dass ich innig mit ihm
verbunden wurde.
Solche Menschen sah ich nicht jeden Tag. Sich gänzlich öffnen, das können nur wenige
Menschen. Es tat mir Leid, dass ich seinen Zustand nicht ändern konnte, doch es bedurfte
anderer, höherer Kräfte, um ihn gesund machen zu können. Was mein Führer mir durchgegeben
hatte, darauf konnte ich vertrauen, doch es war schon eine große Enttäuschung. Indessen
hatte auch diese Behandlung ihm gut getan. „Sie haben mir richtig geholfen“, sagte
er. „Ich kann nichts anderes als mein Bestes tun, und wir wollen hoffen, dass es
Ihnen weiterhin gut tut. Wir werden abwarten müssen.“ Ich ergründete ihn um zu fühlen,
wie er über seinen Zustand dachte, doch er war ruhig. „Ja“, sagte er und blickte
unterdessen auf den Christus, „wir sind alle nur Menschen.“ Ich verstand jenen Blick:
Wir sollten wie Er werden.
Er schlug seine schönen blauen Augen nieder und sprach:
„Der Sohn des Menschen.“ Ich spürte, dass von ihm eine große Liebe zu Christus ausging.
Einen Augenblick stand er da, in tiefes Nachdenken versunken. Dann sah er mich an.
Zwei Sonnen strahlten mir entgegen, und ich spürte wie die Wärme, die er innerlich
trug, in mich strömte. „Ein schöner Augenblick“, dachte ich, „er gibt sich gänzlich
hin.“ Er war einer Sonne gleich, und sein ganzes Wesen strahlte Liebe aus. Kein Wunder,
dass man ihn noch gerne behalten wollte; man konnte ihn nicht missen. „Ich habe in
meinem Leben viel durchgemacht“, sagte er. Ich fühlte, was er meinte: Er ging von
seinem eigenen Leben über in das, womit er nunmehr verbunden war. „Ich habe mit diesen
Dingen nie zu tun gehabt, weiß aber dennoch viel darüber. Nun muss ich aber nach
Hause gehen“ – und er ging.
Nach der dritten Behandlung waren wir bereits gute Freunde
geworden. Wir verstanden einander, und allmählich begann er Fragen zu stellen. All
seine Fragen bezogen sich auf das eigene Leben und das Gebiet der Religion. Das Elend
der Welt ging ihm besonders zu Herzen, denn es wäre nicht nötig, sagte er, dass so
viele Menschen leiden müssen. Er fühlte all dieses Elend, und das machte ihn traurig.
Doch ich begriff zugleich, dass er Berge würde versetzen können. In diesem Priester
lagen ein fester Glaube und das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit. Wenn er von seinem
eigenen Leben und all dem Elend der Menschen erzählte, traten ihm die Tränen in die
Augen und lag in seiner Stimme ein großes Maß an Liebe. Ich fragte ihn, ob er meine
Gemälde, die ich auf mediale Weise erhalten hatte, einmal sehen wolle. „Gerne“, sagte
er, „aber dann müssen Sie sie mir erklären; ich möchte wissen, was sie bedeuten.“
Ich
sagte ihm, dass ich weder malen noch zeichnen könne, sondern dass ich sie in Trance
empfangen habe. Er lächelte nur und schwieg. Doch in seinem schönen Lächeln lag seine
Bewunderung für dieses Geschehen. In Gedanken vertieft stand er da und betrachtete
geraume Zeit meine Stücke. „Wunderbar“, sagte er, „aber beängstigend.“ „Beängstigend“,
setzte ich das Gespräch fort, „warum beängstigend? Ist es nicht herrlich, so etwas
Schönes empfangen zu dürfen? Die Geister kommen in guter Absicht zu mir. Man kann
doch an all den Gemälden nichts Unrechtes erkennen? Alles bedeutet Liebe und Glauben,
den Glauben an ein ewiges Fortleben. Was ich empfangen habe ist Liebe.“ Er lächelte
fortwährend. Von einem Gemälde ging er zum anderen. Lange dachte er über alles nach,
als wollte er selbst dieses Rätsel lösen.
Dann blickte er wieder auf den Christus,
als trachtete er von Ihm die Wahrheit zu empfangen. Ich ließ ihn gewähren, ich hatte
Respekt vor seiner Persönlichkeit. Ich wollte mich ihm auf keinen Fall aufdrängen.
Nachdem er alles gesehen hatte, sagte er: „Ich gehe, später werden wir darüber reden,
später.“ Er drückte mir zum Abschied herzlich beide Hände und ging fort. Ein anderes
Mal fragte er mich völlig unerwartet: „Glauben Sie an Maria?“ „An Maria“, dachte
ich, „was bedeutet diese Frage?“ Und ich sagte, nachdem ich innerlich gefühlt hatte,
was er damit meinte: „Aber natürlich glaube ich an Maria. Ich glaube an alle Heiligen.
Es war doch mein Glaube!“ „Jetzt denn nicht mehr?“ Ich ergründete ihn abermals, merkte
was er damit sagen wollte und sagte ihm: „Das will ich Ihnen erklären.“ Der Priester
blickte auf den Christus, als ob er spürte, womit ich anfangen würde.
„Ich habe eine
andere Religion erhalten, und zwar durch die Geister, also durch diejenigen, die
vor uns hinübergegangen sind. Dieser Glaube ist tiefer als der, den ich früher kannte
und besaß. Doch lassen Sie mich Ihnen zuvor sagen, dass ich die Geister nicht rufe,
denn sie lassen sich nicht rufen. Ich glaubte an alle Heiligen, und warum sollte
ich gerade jetzt, wo ich das alles weiß, nicht mehr an sie glauben? All die Heiligen,
die Sie kennen, haben jetzt eine andere und viel größere Bedeutung für mich als früher.
Nun beginne ich ihr Leben auf Erden zu begreifen, und die Mission, die sie vollbrachten.
Ja, ich fühle wie rein ihr Leben gewesen ist. Das vermochte ich früher nicht; und
das haben mir die Geister klargemacht. Diejenigen, die auf Erden gestorben sind und
zu uns wiederkehrten, kennen all die Heiligen; und sie wissen, wie wir leben müssen,
um uns jene Heiligkeit anzueignen. Sie sagen, dass wir das Leben lieben sollen, und
dass wir nach dem irdischen Tode, wenn wir ein gutes Leben geführt haben, glücklich
sein werden und alle Heiligen wieder sehen werden.“
Er nickte zustimmend, dass dem
so sei. „Die Lektionen, die ich aus dem Geiste erhalte, behandeln stets die Fragen,
welche die Menschheit am meisten beschäftigen. Das sind der Glaube und die Liebe.
Sie weisen mich darauf hin, wie ich leben muss, will ich im Leben nach dem Tode Glück
und Licht besitzen. Jenes Leben finde ich in der Natur, darin lerne ich Gottes Leben
kennen. Die Natur ist Gott, so sagen sie. Ihre Lehre ist tief und voller Wahrheit.
Sie erzählen mir von ihrem Leben, und ich habe mehrmals ihr Leben sehen dürfen, indem
ich aus meinem Körper trat. Ich habe gesehen, wie fromm und heilig ihr Leben ist.
Sie sagen – wie ich bereits bemerkte –, dass wir alles Leben lieben sollen, weil
es von Gott erschaffen wurde. Und diejenigen, die so etwas sagen, können doch keine
Teufel sein? Die Leute können dies nicht glauben, obwohl es die Wahrheit ist. Glauben
Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass, wenn ich geistige Nahrung erhielte, die mich
zurückführte, ich mit diesen Geistern nichts zu tun haben wollte.
Sie sagen, dass
alle Religionen eins sind und dass alle Recht haben. Doch die Verbindung, die ich
nun besitze, dieser Glaube, ist tiefer als alles andere. Durch die Geister habe ich
geistige Gesetze kennen gelernt, und das kann mir keine andere Religion geben, denn
ich bin mit jenen Gesetzen in Verbindung; sie selbst sind das Gesetz. Sie zeigen
und haben mir erklärt, wie ihr Leben auf Erden war und nun geworden ist. Sie sind
glücklich, und das werden sie ewig bleiben.“ „Glauben Sie wirklich“, fragte er unerwartet,
„dass wir fortleben und dass es so sein wird, wie sie es sagen?“ „Aber natürlich.
Ich sagte Ihnen doch, dass ich sie sehe und ihr Leben kenne. Ich bin mehrmals dort
gewesen und ich versichere Ihnen, dass sich der Mensch nicht verändert haben wird,
wenn er in jenes Leben eingeht. Wir bleiben so, wie wir jetzt fühlen. Es ändert sich
nichts.“
Wiederum lächelte er, sagte aber nichts. „Können Sie das nicht annehmen?“
„Nein“, sagte er offenherzig, „zu unglaublich für mich, zu schön, um wahr zu sein.“
„Sie glauben an ein ewiges Fortleben und trotzdem denken Sie, dass alles anders ist?“
„Ich weiß nicht, werde aber abwarten.“ „Und doch ist alles die Wahrheit.“ „Sie sind
auch ein Priester“, sagte er zu mir. „Menschen“, fuhr ich fort, „die auf dem geistigen
Wege sind und anderen davon erzählen, sind alle Priester.“ Er sah mich an und sagte:
„Sehr gut, sehr deutlich.“ Nachdem er fortgegangen war, sagte Alcar zu mir: „Ein
Mensch im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt nur wenige Priester wie ihn. Auf Erden
kann man diese Menschen zählen. Lange braucht er nicht mehr auf Erden zu sein, bald
wird er unser Leben sehen. Sein Gefühl findet Abstimmung im Geiste.“
„Herrlich“,
dachte ich, „dass Alcar so über ihn sprach.“ Dann hörte ich meinen Führer noch sagen:
„Du lernst ihn noch besser kennen.“ Eines Nachmittags, als ich ihn behandelt hatte,
fragte er mich: „Was geben Sie mir doch? Ich fühle mich jedes Mal so erfrischt und
munter, wenn Sie mich behandelt haben. Und was tun Sie, wenn Sie Ihre Hände so still
auf meinen Körper legen, da, wo ich Schmerzen habe?“ „Was ich tue? Das will ich Ihnen
sagen: Wenn ich meine Augen schließe, bete ich, und bitte ich Gott um Kraft, damit
ich Ihnen helfen und Ihre Schmerzen lindern kann. Ohne seine Hilfe und Kraft kann
ich nichts erreichen. Wenn ich gebetet habe, stelle ich mich auf Ihren Zustand ein,
und dann fühle ich in meinem eigenen Körper, wo Sie
Schmerzen haben. Danach konzentriere
ich mich auf meinen Führer, der mir sagen wird, was ich tun soll, und wonach ich
dann handle. Das hängt alles mit Ihrer Krankheit zusammen, denn Alcar ist es, der
das Leid und den Schmerz der Menschen in Glück verwandeln will.
Nicht allein körperlich,
sondern vor allem geistig. Ich fühle und sehe ihn an meiner Seite, ja, ich höre,
wie er zu mir spricht. Er sieht durch allen Stoff hindurch, und meine Kenntnis ist
die seine. Ich bin und kann nichts ohne ihn, und ihm ich gebe mich mit Leib und Seele
hin. Wenn er mir sagt, dass ich aufhören soll, dann weiß ich, dass ich Sie ausreichend
behandelt habe. Ich kann ihm in allem vertrauen und auf ihn rechnen. Er ist für mich
ein Meister und ein Vater, durch ihn sehe ich, durch ihn habe ich das Leben kennen
gelernt, und schwierige geistige Probleme wird er für mich lösen. Durch ihn lernte
ich Gottes heilige Liebe schätzen, soweit diese zu schätzen in meiner Macht steht.
Denn ich bin schließlich nur ein Mensch? In seinen liebevollen Händen fühlen sich
die Menschen sicher, ihm können sie sich gänzlich ergeben. Mein Führer, ehrwürdiger
Priester, ist ein Geist derLiebe, und als solchen werden ihn die Menschen, die mit
mir in Kontakt kommen, kennen lernen. Wer sich in Alcars Hände ergibt, der fühlt
sich niemals betrogen.“
Er sah mich verwundert an und fragte: „Wie kommen Sie an
diesen Namen? Wer hat Ihnen den genannt?“ „Er selbst. Ich sagte Ihnen doch, dass
ich die Geister sehen kann, und dass ich höre, wie sie sprechen? Er selbst nannte
mir seinen geistigen Namen. Als mein Führer noch auf Erden lebte trug er einen anderen
Namen. Ich sehe seine schöne Gestalt, er strahlt reines und pures Licht aus, und
seine Lehre ist wie die von Ihm.“ Ich wies auf den Christus. „Alles ist Liebe.“ „Wunderbar“,
sagte er. „Es tut mir gut und gibt mir Halt… Wenn es nur so bleibt“, fügte er hinzu.
„Dafür werde ich sorgen. Es ist eine große Gnade, und ich will nicht undankbar sein.Meine
Gaben sind mir heilig; ich lebe dafür und habe bereits in meinem Gefühl von der Erde
Abschied genommen. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich das Leben nach
dem Tode besser kenne als mein irdisches Leben.“ „Sie besitzen viele Kräfte.“
„Ja,
die besitze ich. Nochmals, ich bin dafür dankbar. Ich bin hellseherisch und hellhörig,
Maler, heilendes und schreibendes Medium, doch austreten zu dürfen, das ist wohl
die schönste von allen Gaben. Dort verweilen zu dürfen und ihr Leben zu sehen, oh,
das ist so herrlich! Das ist ein großes Gottesgeschenk, wie es nur wenige Menschen
empfangen. Für die Menschen, die diese Kräfte nicht kennen, sind es keine Wunder
und hat alles auch keinen Wert, weil sie die Wahrheit nicht annehmen und das Gefühl
dafür nicht besitzen.“ „Dieses Austreten, wie Sie es nennen, ist das das Schönste?“
„Ja, das Schönste und das Größte von allem. Denn indem ich den
Menschen davon berichte,
werden sie anders leben, und werden Krieg und Totschlag nicht mehr existieren.“ „Sie
sind ein Prophet.“
„Nein, Hochwürden, das bin ich nicht, ich bin nur ein gewöhnlicher
Mensch wie alle Menschen, doch was ich Ihnen sage, ist die Wahrheit. Ist es nicht
herrlich, um den Menschen von einem ewigen Fortleben zu berichten, so, wie du es
selbst erlebt hast? Sie können sich daran festklammern, denn sie brauchen einen Halt.“
„Sie könnten viel darüber berichten“, sagte er. „Das habe ich bereits getan, und
wenn Sie meinen Führer und mein Leben und das von denen im Jenseits kennen lernen
wollen, dann können Sie den ersten Band meines Buches mitnehmen; ich habe sie hier
im Schrank stehen. Darin erhalten Sie ein wahrhaftiges Bild vom Leben nach dem Tode.“
Er ging jedoch nicht darauf ein und fragte: „Wie alt sind Sie?“ „Ich bin achtunddreißig
Jahre alt.“ „Wunderbar, dann können Sie noch viel für die Menschen tun. Ich habe
es mein Leben lang nicht anders getan, und ich bedauere es noch stets nicht, im Gegenteil,
es machte mich immer glücklich. Aber“, sagte er, als fielen ihm meine Worte wieder
ein, „sehen Sie die Geister so, wie Sie selbst sind?“
„Ja, ich sagte Ihnen bereits,
dass ich sie sehe, höre und fühle. Sie sind so wie wir, doch weiter auf dem geistigen
Weg, zumindest diejenigen, die Licht besitzen. Es existiert immer noch so etwas wie
eine Hölle; und diejenigen,die darin leben, werden einen langen Weg zurückzulegen
haben und sich selbst Stück für Stück niederreißen müssen. Und dieses Niederreißen
ist nicht so einfach, davon haben die Leute keine Vorstellung. Wir Menschen fühlen
uns im Allgemeinen noch zu viel. Ich habe die Hölle und den Himmel gesehen, nein,
verschiedene Höllen und Himmel im Jenseits, aber Feuer gibt es dort nicht. Dort brennt
das Feuer der Leidenschaft und Gewalt in ihren Seelen, ich meine von denjenigen,
die in Finsternis leben. Darüber berichte ich in meinen Büchern.“
Gleichzeitig ging
ich zum Bücherschrank und holte den ersten Band von „Ein Blick ins Jenseits“ heraus
und sagte zu ihm: „Sehen Sie, dies ist mein erstes schriftstellerisches Werk, und
auch der zweite Band ist bereits erschienen. Es ist nicht literarisch oder wissenschaftlich,
doch was darin steht, ist die heilige Wahrheit. Sie werden es wunderlich finden und
sich fragen, ob alles wohl so sein wird, wenn wir demnächst in jenes Leben eingehen.
Ich aber habe all das erleben dürfen. Hierin werden Sie meinen Führer und auch viele
andere Geister kennen lernen. Dann werden Sie staunen, wenn Sie darin lesen, wie
großartig das Leben nach dem Tode ist; dass es keine Wunder mehr gibt und dass alle
Probleme aufhören zu existieren, wenn der Mensch jene Wunder und Probleme kennen
lernt. Es ist keine romantische Anschauung oder Erdichtung, es ist Wirklichkeit.“
„Er
macht Fortschritte“, sagte sie ganz glücklich, „finden Sie nicht? Wir alle sehen
es. Er ist so fröhlich in den letzten Tagen und er lobt Sie, weil es ihm so gut geht.
Er fühlt sich unbestreitbar besser in letzter Zeit. Also muss er doch Fortschritte
machen.“ Ich ließ sie aussprechen, spürte jedoch worauf sie hinaus wollte, und als
ich darauf nicht einging, fragte sie: „Warum sagen Sie nichts? Er macht doch Fortschritte?“
Doch ich antwortete nicht direkt und sagte: „Lassen Sie uns dankbar sein für das,
was wir erreicht haben und lieber nicht vorgreifen.“ „Aber wir sehen es doch?“ Ich
sagte ihr: „Was wir erreichen ist Gewinn.“ „Gewinn, sagen Sie, bah wie übel.“ „Gar
nicht übel“, wiederholte ich, „da ist nun mal nichts zu machen. Lassen Sie uns froh
sein, dass es ihm gut geht und abwarten.“ „Wir können diesen lieben Schatz noch nicht
missen“, sagte sie. „Trotzdem ist da nichts mehr zu machen.“ Traurig ging sie fort.
Ja, es war schade, dass er sterben würde. Diesen Priester konnte man nicht missen,
denn er war sehr beliebt; aber wenn er sich gut fühlte, durfte er bereits glücklich
sein. Sie wollte ihn gerne behalten, doch ihr Priester und Vater sollte hinübergehen.
Wenn ich sie enttäuschte, so konnte ich nichts daran ändern, denn was mein Führer
sagte, darauf konnte ich vertrauen. Ich war schon neugierig, was der Priester zu
meinem Buch sagen würde, denn er erwies sich als großzügiger Denker. Ich war denn
auch nicht verwundert, als er wieder zu mir kam und um den zweiten Band bat. „Später
werden wir reden“, sagte er, „und dann werde ich Ihnen viele Fragen stellen, doch
erst will ich alles lesen.“ Nach der Behandlung erfolgte kein Gespräch und nahm ich
für drei Wochen Abschied, da der Zeitpunkt gekommen war, da ich die Stadt verlassen
sollte. Er fühlte sich herrlich, hatte keine Schmerzen und würde, wenn ich zurück
war, wieder zu mir kommen. Er wünschte mir eine gute Reise und viel Glück. Er sagte
noch: „Ich werde mich ruhig verhalten und lesen.“ Der Priester ging fort.
Meine Patientin,
die mich noch besuchen sollte, sagte: „Gestern Abend war ich bei ihm, es war Abendmesse.
Nach der Messe sagte er plötzlich zu mir: „Jozef weiß, an welcher Krankheit ich leide,
er und du, ihr beide wisst es, alle anderen nicht.’ Ich glaubte in den Boden zu versinken.
Wie kommt er nur so plötzlich darauf? Ich habe niemandem etwas davon erzählt. Sollte
er wissen, dass es ernst ist? Ist es nun wirklich so, hat er diese Krankheit? Ist
dieses Leiden nicht zu heilen? Ich verstehe nicht, wie er auf einmal darauf kommt“,
wiederholte sie nochmals. „Können Sie das erklären?“ Nein, ich konnte es nicht und
sagte, dass ich es nicht wüsste. „Ich hoffe nur“, fuhr sie fort, „dass es mit ihm
nicht bergab geht, wenn Sie weg sind.“ Sie ging fort und ich machte mich bereit,
um aufzubrechen. Alcar sagte mir: „Er fühlt, dass sein Ende naht.“ Darauf reiste
ich ab. Doch aus großer Entfernung von ihm fühlte ich, wie es dem Priester ging.
Gleichzeitig sagte mir Alcar, dass es mit ihm bergab gegangen sei. Als ich von meiner
Reise zurückkehrte, ließ man mich sofort rufen. Er lag bereits einige Tage zu Bett.
„Da hast du schon“, dachte ich, „sein Ende naht, wenn es jetzt nur nicht so lange
dauert.“ Diese Krankheit konnte schleppend sein. All seine
Freunde und Lieben bedauerten es und meinten, dass, wenn ich die Behandlung nicht zeitlich eingestellt hätte, es nicht so weit gekommen wäre. Doch ich wusste es besser.
Eines Mittwochmorgens besuchte ich ihn. Als ich in sein Zimmer kam, strahlte er vor
Glück und war erfreut, mich wieder zu sehen. Er fasste meine beiden Hände, sah mich
an und sagte: „Mein Jozef! Wie habe ich mich nach dir gesehnt.“ Ich spürte seine
große Liebe zu mir, was mich sehr glücklich machte, und es war, als wollte er mich
nicht mehr loslassen. „Gott sei Dank, dass du da bist. Bücher durchgelesen, Jozef!“
Ich bebte; was würde er mir sagen? „Wunderbar! Wunderbar!“ Er schloss seine Augen,
kein Wort kam mehr über seine Lippen. Er lag still danieder und dachte offenbar nach.
Ich fühlte in diesem Augenblick die Stille des Geistes, die von ihm in mich kam,
und auch ich wurde still. Dicht neben seinem Bett nahm ich Platz, und beide waren
wir in Gedanken vertieft. Ich dachte an seine große Freundschaft und Liebe, die er
für mich empfand. Gerne nahm ich seine reine Liebe an und war sehr dankbar dafür.
Wie kurz kannte ich diesen Menschen, und dennoch war es, als ob viele Jahre vorübergegangen
wären. Ich betete für ihn und ging zur Behandlung über. Neben mir sah ich meinen
lieben Führer, den Geist der Liebe, der mich mit dem Kranken verbunden hatte.
Nunmehr
waren wir eins und ich wartete ab, was mein Führer zu sagen hätte, da ich sah, dass
er den Kranken untersuchte. Lange brauchte ich nicht zu warten, und als ich mit Alcar
Verbindung bekam, hörte ich ihn sagen: „Hier ist keine Hilfe möglich, er wird bald
hinübergehen. Ich werde es dir beweisen, warte nur geduldig ab.“ Ich zitterte. Was
nun? Ich bat Gott, dass er dieses Leben ohne Schmerzen verlassen möge. Mehr wagte
ich nicht zu erbitten, man konnte ihm nichts mehr geben. Licht würde er im Leben
nach dem Tode besitzen, und Licht bedeutet Glück. Der Mann, dessen Hände ich drückte,
hatte ein reines Leben vollbracht und war bereit zu sterben. Die Augen noch stets
geschlossen und die Hände gefaltet, sagte er nach einer langen Stille: „Wunderbar,
Jozef, schön für die Menschen, doch wenige werden es glauben. Das alles ist schwer,
sehr schwer anzunehmen. Große Liebe, Alcar.“
Stockend, Wort für Wort, sprach er,
aber ich fing es auf. „Gottlob“, dachte ich, „er hat mein Werk begriffen.“ Es waren
nur wenige Worte, die er gesprochen hatte, doch es tat mir gut, sie aus seinem Munde
zu vernehmen. Es stimmte mich glücklich. Ja, das konnten nur wenige Menschen annehmen.
Ich hörte so oft, dass ich zu einfach sei, nicht literarisch, nicht suggestiv genug,
sodass man alles, was ich vom Leben nach dem Tode berichtete, nicht würdigen konnte.
Sie fanden es zu süß! Aber einst würden sie alle süß werden, wie Honig so süß. Wenn
diese Leute dem größten und letzten Problem gegenübergestellt würden, wenn es ihnen
wie Schuppen von den Augen fiele, wenn sie hinter den Schleier blicken dürften, wenn
sie nackt vor Gottes heiligem Thron stünden, dann würde alles nicht zu süß und zu
einfach sein und würden sie viel, sehr viel von jener Einfachheit besitzen wollen.
Dort erst sahen sie sich selbst, erst dann würden sie all das schätzen. Aber für
diese Leute schrieb ich auch nicht. Diese waren nicht zu erreichen.
Derjenige, der
dort auf seinem Sterbebett lag, er, der Priester, fühlte die Wärme und die geistige
Kraft, die aus allem strahlte, und vor allem Alcars große Liebe. Mehr hatte ich nicht
erwarten können. Auch von denen, die sich in Leid und Schmerz befanden, die allein
zurückgeblieben waren und der höchsten Klasse der Gesellschaft angehörten, hatte
ich Briefe erhalten, die besagten, dass sie sehr, sehr glücklich seien. In den Stunden
des Abschieds hatte Alcar sie mit seiner großen Liebe unterstützt. Sie wussten nun,
dass sie ihre Lieben wieder sehen würden. Sie hatten das Großartige geschehen sehen;
am Sterbebett ihrer Lieben hatten auch sie etwas wahrgenommen. Der Sterbende selbst
hatte es ausgerufen. Für sie alle waren meine Bücher eine geistige Stütze geworden,
die Kraft, um das Leben nun alleine fortsetzen zu können. Durch dasjenige, was Alcar
sagte, hatten sie das Kreuz auf die Schultern genommen, welches Gott ihnen zu tragen
gegeben hatte. Erst wenn sich die Menschen in Leid und Schmerz befanden, waren sie
zu erreichen und gaben sie sich willig hin. Dann konnte ihnen keine irdische Gelehrtheit
helfen; dann verlangten sie nach geistiger Wärme, nach einem gleichen Gefühl und
nach Liebe. Dann fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen und lauschten sie jener
sanften, aber deutlichen Stimme und fanden sie sich selbst.
Doch die anderen brauchten
keine geistige Nahrung, sie standen und wollten mit beiden Füßen auf der Erde stehen
bleiben, wie sie selbst sagten. Sie waren abgeschweift; das Leben auf Erden hatte
auch sie aufgesaugt. Sie warfen meine Bücher in den Ofen und schürten das Feuer noch
einmal ordentlich an, innerlich verzehrte sie jedoch Kälte und geistige Armut. Sie
dachten nicht daran, dass auch ihre Zeit bald kommen könnte. Wenn ich allein für
ihn hätte schreiben dürfen, dann noch würde ich es ganz gewiss getan haben, aber
glücklicherweise gab es noch viele andere. Es tat mir jedoch gut, dass der Priester
mich so richtig verstand. Nicht dass ich es nötig hatte, ich kümmerte mich um niemanden,
denn ich sah das Leben, worüber ich schrieb, ich trat aus meinem Stoffkörper und
durfte es erleben. Alles war Wahrheit, jeder sollte es einst sehen, wenn sie in jenes
Leben eingehen würden. Aber viele Menschen lebten materialistisch und lachten über
alles, auch über ihre eigene Dummheit. Diese großen und erwachsenen Leute waren wie
kleine Kinder. Aber Kinder können mehr fühlen als große und gelehrte Leute.
Diejenigen,
die sich in das Leben nach dem Tode vertieften und danach lebten, waren die Glücklichen
im Jenseits. Die anderen würden viele Jahre benötigen, ehe sie Licht sehen würden,
weil ihr Gefühl getrübt war. Das geistige Leben ist schwer zu erreichen. Aber wenn
man es fühlt, dann bringt es Glück und ewige Wahrheit, ein großes und festes Vertrauen
und den Besitz eines geheiligten Lebens. Es bringt Liebe, reine und pure Liebe. Dieser
Mensch fühlte es. „Jozef“, sprach der Priester plötzlich, „ich werde schweben, weit
weg von der Erde.“ Ich erschrak. Gerade über das, woran ich dachte, begann er zu
sprechen. Es war, als hätte ihm jemand anders die Kraft gegeben, um es mir zu sagen.
Dabei kamen ihm die Tränen in die Augen. Der Erzpriester war wie ein Kind, und auch
ich fühlte mich so. Wir waren zwei erwachsene Menschen und dennoch Kinder im Geiste.
Wir hatten ein und denselben Gott und waren ineinander übergegangen. Wir fühlten
ein Leben, eine Liebe, er als Priester, ich als Instrument. Beide dienten wir einem
Gott, wollten einem Gott dienen, wir hatten einen Vater und kannten eine Wahrheit.
Er hatte sich jene Wahrheit und Weisheit durch Studieren anzueignen gewusst, und
indem er das Leben so lebte, wie Gott es vom Menschen verlangte.
Dadurch war er entwickelt.
Ich bekam es direkt aus dem Jenseits und war mit dem ewigen Leben verbunden worden.
Ich durfte sein Studium durchschauen, und dadurch kannte ich gleichzeitig seine Theologie
und das Leben hinter dem Schleier. All jenes Große ging mir durch den Kopf; durch
meinen geistigen Führer Alcar wurde ich in den Kosmos aufgenommen. Ich wusste nun,
dass ich ein Teilchen jenes mächtigen, jenes großen und heiligen Lebens war. Dennoch
hatte ich nicht studiert und kam von einem Bauerndorf, hatte aber ein Wissen und
einen Glauben empfangen, so rein wie Kristall. Das lag einfach in der Natur und man
konnte es nicht lernen, man musste es fühlen. Der Priester fühlte es; er war sanft,
sanft wie das Leben selbst und war jenem mächtigen Leben aufgeschlossen. Das Leben
lag in seinen schönen Augen, in seiner Stimme, es brachte die zarten Gefühle von
Seele und Herz zum Ausdruck, und daran erkannte man seine Persönlichkeit. Das Kindliche,
das Reine durchströmte sein ganzes Wesen.
Als Kind würde er bald in die Sphären eingehen
und jene Himmel betreten, wo ihn eine ungeahnte Schönheit erwartete. Dieser Priester
hatte die Menschen mit all ihren Fehlern und Sünden lieb. Er kannte die Leidenschaften
und verstand, weil er verstehen wollte. Er wollte keine Fehler sehen und gab, gab
stets mit vollen Händen. Nimmer waren diese Hände geschlossen gewesen, und wer an
seine Seelenwohnung klopfte, wurde eingelassen. Sein Seelentürchen knarrte in seinen
Angeln, die Scharniere waren gerissen, die Türpfosten zertrümmert; und er reparierte
sie nicht, weil er wusste, dass sie erneut zertrümmert würden. Er ließ die Tür offen
stehen und jeder, Jung und Alt, Arm und Reich, konnte eintreten. Er ließ dies zu,
weil er lieb hatte und viel Liebe besaß; sonst wäre es schließlich nicht möglich,
ihnen zu helfen. Wer an seine Wohnung klopfte, wurde hereingelassen, und viele traten
ein. Aber es kamen welche, die Schmutz und Dreck an den Schuhen hatten; das bemerkte
er jedoch nicht, er wollte es nicht sehen. Er liebte sie doch mit all ihren Fehlern
und Sünden.
„Kommt herein“, hörte ich ihn sagen, „oh, kommt ruhig, seid nicht ängstlich,
meine Tür steht offen“; und er trat den Menschen lächelnd entgegen und beruhigte
sie. „Sie sehen es, die Tür ist kaputt, und ich kann und werde sie nicht mehr schließen.
Sie wird für jedermann offen bleiben, auf ewig.“ Das hatte ihn das Leben gelehrt,
und viele Menschen waren zu ihm gekommen. Der eine stellte seine Holzschuhe vor die
Tür und trat sanft auf ihn zu. Solche empfanden Ehrfurcht, heiligen Respekt vor seiner
Persönlichkeit und achteten seine Seelenwohnung. Sie wollten seine Seelenruhe nicht
stören und gingen ruhig heimwärts. Er hatte ihnen mit Leib und Seele geholfen. Doch
es kamen auch andere, die einfach so hereinplatzten; diese kannten und empfanden
keine Ehrfurcht. Er sah sie dann verwundert an, sagte aber nichts. Ein Mensch brauchte
Hilfe, und diese Hilfe wollte er ihnen geben. Obwohl vor Schreck bebend, den Menschen
mit all seinen Mängeln und Schwächen fühlend, wusste er sich selbst zur Ruhe zu bringen.
Er beherrschte sich, lächelte nur und beruhigte sie. Sein immer währendes Lächeln
wirkte Wunder. Viele traten ein, sahen ihm scharf in die Augen – wovon er schaudernd
erbebte. Doch er stand wie ein Kind vor ihnen und war erstaunt über so viel Unmenschlichkeit.
Seine reine Seelenwohnung, stets gepflegt, sodass Gott hereintreten konnte, wurde
durch den Menschen besudelt.
Dann blieb er, wenn der Mensch fortgegangen war, mit
all jenem Menschlichen allein zurück. Er musste zusehen, dass er es alleine verarbeitete.
Niemand konnte ihm dabei helfen. Aber er hatte auch keine Hilfe nötig. Er wusste
und besaß die Kraft und er verstand die Kunst und hatte die Kenntnis, die dafür erforderlich
war, seine geistige Wohnung rein zu halten, sodass Gott im unerwartetsten Augenblick
hereintreten konnte.Er besaß diese große Kraft und trug sie in sich, und tief, ganz
tief in ihm lag die reine Liebe. Nein, sein Seelenhäuschen konnten die Menschen nicht
beschmutzen. Ein Meer der Liebe spülte es rein, nichts blieb an seinem Platz, und
die Flammen seiner unerschöpflichen Liebe trockneten es. Kein Mensch kannte sein
Geheimnis, aber sie wollten es auch nicht kennen. Er trug diesen Schatz im Stillen
und lächelte nur, womit er alle Menschen an sich band, die zu ihm kamen. So lebte
er, so hatte er gelernt, leben zu müssen. So empfand ich diesen Priester.
Es war
still um den Kranken, und ich dachte an Alcars Worte, dass er ein großer Priester
gewesen war. Ich fühlte die Stille des Todes, das Verlassen dieser Welt, das Eingehen
ins Jenseits. Dieses Problem wühlte in mir; ich fühlte und sah es und ich wurde darin
aufgenommen. Was ich nunmehr erlebte sollte jeder Mensch, der auf Erden lebte, durchzustehen
haben. Ich fühlte den Priester, ergründete seinen inneren Zustand und wusste, wie
glücklich er bald sein würde. Er hatte als Mensch gelebt, als ein Kind Gottes. Plötzlich
öffnete er die Augen und fragte: „Glaubst du an die
Menschen?“ Ich erschrak. Er hatte
abermals meine Gedanken übernommen, denn er fuhr fort: „Der Tod ist mein Freund,
Jozef.“ Fühlte er bereits die geistige Sprache, die man nur im Leben nach dem Tode
kannte und anwandte? „Ich glaube“, sagte ich und wusste nicht, welche Antwort ich
ihm sonst geben sollte. Da schlug er die Augen auf und blickte auf den Christus,
der über seinem Bett hing. Dorthin wandten sich seine schönen Augen. Ein Kind bat
um Kraft, um aufgenommen zu werden, um sein Ende vorzuverlegen. Dann, nach einigen
Sekunden, sagte er: „Du bist begnadet, Jozef.“
Es war, als wenn Christus persönlich
es ihm gesagt hätte. „Du darfst die Heiligen nicht vergessen“, fuhr er fort. Und
dann, völlig unerwartet, nachdem er nochmals den Blick auf den Christus gerichtet
hatte, sagte er: „Ich werde sterben, Jozef; ehe dieser Monat vorbei ist, bin ich
nicht mehr. Dann werde ich schweben, wie du.“ „Wie ist es möglich“, dachte ich. „Hatte
Christus es ihm gesagt? Ist er so innig verbunden? Wie kam er auf einmal darauf?“
Ich fand es wunderlich, so ruhig wie er war. Er fühlte, welche Gaben ich besaß, und
ich dankte ihm im Stillen für seine wenigen, aber so tief gefühlserfüllten Worte.
Darin lag für mich eine Mahnung, meine Gaben rein und hoch zu halten. Nun war er
weit, seht weit von mir entfernt. Ich folgte ihm innerlich und fühlte, dass er sich
gänzlich ergab. Auch jenes Geheimnis kannte er allein, er fühlte sich mit dem Sohn
des Menschen verbunden.
Nochmals blickte er auf den Christus. Tränen flossen über
sein liebes Antlitz, und ein Lichtstrahl beschien es. „Ein Engel“, dachte ich, „bist
du.“ Er besaß ein Wissen, das allein Sterbende besitzen, ja, erleben. Er befand sich
bereits in jenem unerklärlichen Zustand, in dem irdische Gesetze und Gelehrtheit
sich auflösten und aufgenommen wurden. Es lag kein Zweifel in ihm, ich fühlte nicht
das geringste Zögern. Dies war Weisheit, die er soeben in aller Stille erlebt hatte
und aus einer höheren Quelle erhalten hatte. Ich erlebe heute Morgen etwas Großartiges,
etwas Unnatürliches. „Es wird wohl übernatürlich sein“, dachte ich. Das Übernatürliche
beschien ihn, jene Kräfte gingen in ihn über, und er sagte es mir, ließ mich daran
teilhaben.
„Wirst du mir helfen, Jozef?“, fragte er wiederum völlig unerwartet. „Ich gehe.“
Als ich ihn ansah, bebte ich. Es zitterte in mir, und ich fühlte ein großes Glück.
„Aber natürlich“, sagte ich und sah, dass er wieder weinte. Er spürte, was in mir
vorging und sprach: „Nicht weil ich gehe, Jozef, nicht darum, denke das nicht.“
Ich
verstand und fühlte, warum er seine Tränen fließen ließ. Er dachte an all seine Kinder.
Von ihnen scheiden zu müssen, war für ihn schwer. Sie würden ihn nicht missen können,
denn sie konnten nicht mehr eintreten und eine geöffnete Wohnung vorfinden, in der
sie sich wärmen konnten. Ach, es war nicht so leicht! Abermals sprach er und gab
mir Antwort auf meine inneren Gedanken. Es war wunderlich.
„Davon zu scheiden ist schwer.“ Lupenrein hatte er sich in mich eingefühlt und wiederum
alles übernommen. Das waren für mich Beweise, dass eine andere Kraft in ihm wirkte.
Es waren Beweise, dass er eine große Liebe besaß und dass er geistige Kräfte und
Wahrheiten auffangen konnte, weil er bereits im Geiste verbunden war. So etwas Schönes
sah und erlebte man nicht oft an einem Sterbebett. Dies war schon ein ganz besonderes
Hinübergehen, ein Sich vorbereiten auf die ewige Welt. Nicht nur dass er sein Hinübergehen
fühlte, sondern er kannte bereits die geistige Sprache, die man dort sprach. Er besaß
bereits das Vermögen, um von einem Menschen in den anderen überzugehen, und trotzdem
lebte er noch auf Erden. Es war großartig, was ich dort in jenem Augenblick erlebte.
„Nun musst du gehen, Jozef.“
Ich nahm Abschied. Es war noch keine halbe Stunde vorübergegangen, und wie viel hatte ich nicht erfahren.
Während ich nach Hause ging, dachte ich an all diese Dinge. Wie schön war dieser
Morgen gewesen. Wie tapfer, um diesem Leben so überzeugend Lebewohl zu sagen. Herrlich
war es auch, um auf diese Weise Sterbenden beistehen zu dürfen. Ich hatte schon viele
hinübergehen sehen, aber nicht einen wie ihn. Der eine hatte Angst, andere nahmen
kräftige Nahrung zu sich, weil sie nicht sterben wollten. Doch wenn der Tod sich
meldete, konnte kein Gelehrter mehr helfen, und auch geistige Kräfte vermochten keine
Änderung herbeizuführen. Dem konnte niemand entrinnen, was wohl das einzig Gerechte
auf dieser schrecklichen Erde war. Dieser Priester war vertraut mit dem Tode. Ihm
war er ein willkommener Freund, ein Freund, der ihn von seinem Leiden erlöste, der
ihm Glück brachte, Licht, Liebe und Schönheit, ja ewiges Leben. Was blieb dann noch
vom Tod übrig? Wo war seine Macht?
Wo blieb all das Schreckliche, wenn man den Tod
einen Freund nennen konnte? Bei ihm fand der Tod keine Nahrung. Denn er kannte keine
Angst und fühlte weder Leid noch Schmerz; und das war es, woran sich der Tod gütlich
tat. Der Tod sollte und würde bei ihm Armut erleiden. Er würde verhungern, denn er
wurde nicht genährt. Er führte mit dem Tod ein machtvolles Gespräch, er lächelte
ihm zu und der Tod lächelte zurück. Sie waren vertraut miteinander, große, ganz große
Freunde geworden. Dies hatte das Leben ihn gelehrt, indem er alle Menschen in seiner
Seelenwohnung empfing und nicht meckerte, wenn sie mit Holzschuhen eintraten, sondern
sie mit Liebe empfing und ihnen entgegentrat. Dadurch hatte er den Tod kennen gelernt
und wusste er, dass dieser ewiges Leben bedeutete. Er sah durch seine Maske hindurch,
er war hellseherisch und blickte hinter den Schleier des Verderbens und des Schreckens.
Er sah, dass der Tod nicht das Ende war, sondern ein Weitergehen in unbekannte Gefilde.
Für ihn war jener grausame Mann mit der Sense durch einen azurblauen Himmel ersetzt
worden, ein Paradies lauteren Glückes. Das Schicksal hörte auf zu bestehen, für ihn
war alles Gottes heilige Führung. Gott rief ihn zu sich, und der Tod machte Platz
und verschwand, denn er konnte sich ihm nicht nähern. Nein, dieser Priester besaß
alles, was er im Lande der ewigen Wahrheit brauchte. Der Tod war glücklich, dass
es unter all den Menschen einige gab, die keine Angst vor ihm hatten.
„Höre mich
an“, so hörte ich gleichsam den Tod zu mir sagen, „du Mensch der Erde, höre, was
ich sagen werde. Sieh mich an, ich bin nicht tot. In euch flammt es, es ist Gott,
der euch Seine Liebe zusendet, der euch alle am Leben erhält. Das, was ihr seht,
was ihr äußerlich seid und pflegt, das stirbt. Aber in euch lebt etwas, das fortlebt,
stets fortleben wird und unendliche Tiefen kennen lernen wird. Ein erhabenes Glück
erwartet euch. Doch allein diejenigen, die in mir das Leben sehen. Ich selbst gab
mir nicht den Namen „Tod’, sondern das tatet ihr, ihr Menschen, weil ihr mich nicht
kennt. Für euch war ich der „Tod’, doch das bin ich allein für diejenigen, die selbst
lebend tot sind. In euch liegt ein Funke des ewigen Lebens, in euch liegt die ewige
Wahrheit. Lasst euch, oh Menschen, euer Leben durch meinen Namen nicht vergällen.
Ich bin nicht der Tod, ich bin das Leben, und wer mich kennt, wird glücklich sein.“
Ich hatte allem folgen können, doch wer sprach so zu mir? Der Tod! Er war ein lebendiges
Wesen, das weiter blickte als wir, die wir zu leben glaubten. Er war kalt und besaß
zugleich Sonne, wodurch er alle erwärmen konnte, die in ihm das Leben sahen.
Wie
sehr hatte dieser Mann mich lieb gewonnen! Die Tränen schossen mir in die Augen.
Zusehends ging es mit ihm bergab, der Krankheit war nicht Einhalt zu gebieten. Ich
nahm neben ihm Platz, legte meine linke Hand auf seine Stirn, meine rechte auf seine
Brust und bestrahlte ihn. Er, der Priester, sog jene Kraft in sich auf, und diese
schenkte ihm die Ruhe, die er für seine letzten Tage auf Erden so nötig hatte. Es
würde sein Hinübergehen erleichtern. Er fühlte die heilsame Einwirkung des Lebensmagnetismus.
Hier konnte keine Medizin mehr helfen, und auch ich vermochte daran nichts zu ändern. Nachdem ich gebetet hatte, hörte ich meinen Führer sagen, dass ich mich im Geiste konzentrieren solle. Im selben Augenblick, da ich mich einstellte, meinte ich Intelligenzen wahrzunehmen.
Ja, ich hatte richtig gesehen. Rund um das Bett des Priesters sah ich mehrere Geister.
Sie waren in schöne Gewänder gekleidet und strahlten ein prachtvolles Licht aus.
Sie blickten auf ihn, der bald hinübergehen würde.
„Was sollte das zu bedeuten haben?“,
fragte ich mich. Doch schon bald wurde es mir klar, da ich Gesang vernahm. Es waren
geistliche Lieder, und zwei Stimmen beanspruchten meine ganze Aufmerksamkeit.
Es waren ein Tenor und ein Bass, und die anderen Stimmen ergänzten diese beiden, um zu einem Ganzen zu verschmelzen. Es war himmlisch! Die Tenorstimme war von ungeahnter Schönheit. Es bewegte mich tief, so mächtig war es, und so erhaben.
Als der Gesang aufgehört hatte, sagte Alcar zu mir: „Der Priester gehört einem Orden an, und diejenigen, die an sein Sterbebett gekommen sind, wollen sein Hinübergehen erleichtern. Sie kommen aus dem Jenseits zu ihm, es sind Geister der Liebe. Die geistige Kraft dieses Geschehens geht in ihn über. Noch ist er sich dessen unbewusst; er wird aber trotzdem etwas spüren.“
Ich entdeckte, dass ich mit der Ausstrahlung dieses Geschehens verbunden wurde. Die
Liebe all dieser Wesen sah ich in einem Licht, und jenes Licht ging auf den Kranken
über. Es umgab ihn und würde dort bleiben, um andere Kräfte abzuwehren. Dies war
nun geistige Ruhe, eine Einsegnung im Geiste. Das Licht umgab ihn nunmehr wie eine
geistige Mauer, eine Festung aus Liebeskraft. Es war großartig, was ich dort erschauen
durfte. Diejenigen, die bereits im Jenseits lebten und ihn auf Erden gekannt hatten,
wussten dass er sterben würde, und auch er wusste es. Ich spürte darin eine Verbindung,
ein einziges Wissen. Liebe ging über das Grab hinaus. All diese Wesen waren auf Erden
Priester gewesen und hatten ein gutes Leben vollbracht. In ihre Mitte würde er aufgenommen
werden, denn er gehörte zu ihnen; und dass er bereits auf Erden damit verbunden war,
war doch wohl etwas Besonderes, so etwas empfingen nur wenige Menschen.
Jedes Mal
wartete er kurz, um wieder zu Atem zu kommen; und um zu sehen wie erstaunt ich wohl
sein würde. Er war sehr, sehr glücklich.
Dann sprach er weiter. „Ich sah Blumen, oh, so schön. Nicht hier, nein, hier sind sie nicht so schön. Diese waren anders. Ich hörte auch Gesang, wundervollen Gesang, sehr schön.“
Ich erschrak. Sollte er diesen Gesang dann doch gehört haben?
„Wundervoller Gesang“, sagte er wieder, „oh, so herrlich. Schöne Stimmen.“
„Merkwürdig“, dachte ich, „der Mann ist hellhörig, hellseherisch und hellfühlendes Medium geworden.“ Am Ende seines Lebens waren jene Gaben offenbar in ihn gekommen. Ich begriff dies vollkommen.
Sein Gefühl ging in den Geist über. Kein Wunder, dass er glücklich war. So sah und
hörte ich es stets bewusst, doch wenn ich davon erzählte, konnten die Leute es nicht
glauben. Er, der Priester, war nunmehr mit dem ewigen Leben verbunden worden. Als
er zu Ende gesprochen hatte, standen ihm die Tränen in den Augen, so hatte es ihn
bewegt.
„Viele Menschen habe ich gesehen“, begann er aufs Neue. „Wunderbar, wunderbar,
schöne Stimmen.“
Dabei blickte er auf den Christus, um Gottes Sohn für alles zu danken.
Wie gewöhnlich nahm ich neben ihm Platz und behandelte ihn. Alcar sagte mir, dass
ich aufpassen solle, es würde mir wieder etwas gezeigt werden. Den Priester fühlte
ich unter meinen Händen wegsacken. Plötzlich sah ich einen Lichtschein, und in jenem
Licht manifestierte sich ein strahlendes Wesen. Es verdichtete sich immer mehr, sodass
ich es deutlich wahrnehmen konnte. Es bewegte sich vom Kopf- zum Fußende und machte
mir klar, dass ich richtig sah und fühlte. Nun sah ich in diesem Licht eine Erscheinung,
einen jungen Geist in strahlender Schönheit. Unwillkürlich schätzte ich sein Lebensalter,
und ich meinte, dass er das Alter zwischen fünf- und siebenunddreißig Jahren erreicht
haben dürfte. Danach verschwamm das Bild und sah ich ein anderes. Die Erscheinung
selbst zeigte mir etwas; ich sah eine Wiege und darin ein totes Kind. Über der Wiege
schwebte die Zahl siebzehn. Die Zahl war erleuchtet, sodass ich sie deutlich wahrnehmen
konnte. „Siebzehn?“, dachte ich.
„Monate“, hörte ich darauf sagen, „gestorben!“
Kurz und bündig wurde mir diese Wahrheit vermittelt. Es blieb keine Frage offen und ich begriff es auf der Stelle, als ich sagen hörte: „Mein Vater!“
„Mein Vater?“, dachte ich. Mein Gott, wie groß ist dieses Wunder. Sein Vater? Er war also der Sohn des Priesters, ein Sohn, der im jüngsten Alter die Erde verlassen hatte?
Da sagte Alcar, dass ich richtig gesehen habe, und ich wartete ab, was weiter geschehen
würde. Ein Kind, das, als es siebzehn Monate alt war, die Erde verlassen hatte, kehrte
im Alter von siebenunddreißig Jahren zurück, um seinen eigenen Vater abzuholen? Um
seinem Vater beim Hinübergehen beizustehen? Aber das war doch wohl etwas ganz Besonderes.
Es war ein tiefes Mysterium und von keinem menschlichen Gehirn zu ergründen. Welch
eine Weisheit! Wie groß war dieses Wissen, und welch ein großartiges Problem war
es. Das Kind hatte gelebt, es war also nicht tot; sonst wäre es unmöglich, sich zu
manifestieren. Und es war aufgewachsen. Aber wo? Ging das?
Ich sah doch deutlich
ein bildschönes Wesen, eine geistige Erscheinung.
War das nicht ein Rätsel? Mir wurde ein übernatürliches Rätsel gezeigt, und damit
wurde ich verbunden. Ein Problem, von dem man auf Erden nichts wusste, und das nicht
erfasst werden konnte. Trotzdem war es die Wahrheit, denn ich sah es. Dies waren
geistige Probleme und Gesetze, die man allein nach dem Tode kennen lernte, im Leben
dort, wo mein Führer und Millionen andere lebten. Dort, wo ich bereits mehrmals verweilen
durfte und wo die Erscheinung aufgewachsen war. Dies war ein großer und mächtiger
Beweis eines Fortlebens, wenn man es annehmen wollte. Welch einen Reichtum an Wahrheit
durfte ich nun mehr empfangen. Ich fühlte Hunderte von Fragen in mir aufkommen, und
auf all diese Fragen konnte ich mir selbst Antwort geben. Wo blieb nun der Tod und
seine Macht? Der Mensch betrog sich selbst. Wer würde jetzt noch an den Tod glauben?
Hier kehrte das junge Leben – das Kind, das man tot wähnte – als ein Engel zur Erde
zurück, um seinem Vater im Stoff beizustehen und ihn abzuholen.
Wie tief war dieses
Problem, und wie kam dieses Wesen an diese Wahrheit? Woher wusste es, dass sein Vater
sterben würde? Woher wusste es etwas von Vater oder Mutter, denn als es hinüberging
war es sich nicht bewusst, was Vater und Mutter bedeuteten. Dennoch kehrte es zurück,
ausgerechnet jetzt, wo sein Vater sterben würde, übergehen würde in jenes andere
Leben, wo sein Kind lebte.
Nun gebot mir mein Führer zuzuhören und hörte ich das schöne Wesen sagen: „Ich bin
gekommen, um ihn zu holen: dies ist mir gestattet. Es ist Gottes Wille. Fragen Sie
diejenige, die meine Mutter ist, ob ich in diesem Alter gestorben bin, sie wird es
bestätigen. Ein Liebesband hielt mich mit ihnen verbunden. Ein ewiges Band der Liebe
bindet uns, verbindet alle Menschen mit ihren Lieben, die an dieser Seite leben,
und die sie erwarten, wenn auch sie hinübergehen werden. Ich durfte im jüngsten Alter
die Erde verlassen. Das ist schon eine große Gnade. Sie sehen, dass ich lebe und
Sie hören, wie ich zu Ihnen spreche. Alles ist die heilige Wahrheit. Überzeugen Sie
sich und fragen Sie es sie.“
Von diesem Geschehen tief bewegt, hatte ich voller Bewunderung
dieser Erscheinung gelauscht. Ich hörte noch, wie gesagt wurde: „Ich wuchs in den
Sphären des Lichts auf, denn wisse, dass das Leben ewig ist. Ich denke so wie Sie
denken und lebe im Geiste. Ich sehe und höre Sie und kann mich mit Ihrem Leben verbinden.
Ich weiß, dass er, der daniederliegt, mein Vater ist, mein Vater im Stoff. Doch wir
haben und kennen nur einen Vater, und das ist Gott. Ich danke Ihnen, dass Sie bereit
waren, mir zuzuhören und Ihre inneren Augen für mich zu öffnen. Auch danke ich Ihnen
für Ihre Liebe, die Sie ihm gegeben haben.
Danken Sie auch ihr, die meine Mutter
ist, für all ihre Liebe. Ich fühle und empfange ihre Liebe, weil ich lebe und stets
mit ihnen verbunden bleiben werde. Ich weiß, dass sie mich lieb haben, und dass wir
einander einst wieder sehen werden, für ewig, auf ewig. Dieser Augenblick ist mir
heilig, werden Sie das niemals vergessen? Wollen Sie es auch ihnen, all meinen Lieben
sagen? Ich lebe in den Sphären des Lichts, und auch mein Vater wird Licht und Glück
besitzen. Bald wird er bei mir sein; und das alles ist Gottes heiliger Wille. Sein
Wille geschehe! Es ist die Wahrheit, und weil es Wahrheit ist, ist es heilig, und
wird der Mensch das Haupt neigen vor Ihm, der unser aller Vater ist. Es ist für Sie
eine große Gnade, dies erleben zu dürfen. Ich rufe Ihnen und allen Menschen von dieser
Seite aus zu: „Habt keine Angst vor dem Tode, wir leben in himmlischer Schönheit.
Ihr werdet Licht sehen, wenn es licht in euch ist. Dies alles ist Liebe, heilige
Liebe.’ Ich werde bis zum Ende bei ihm bleiben. Sein irdisches Kleid wird begraben,
aber sein Geisteskörper kehrt zum Leben zurück, dem Leben, das Gott ist. Kein Mensch
wird daran etwas ändern können. Gehen Sie nun, ich wache, nichts soll seine Ruhe
stören. Ich danke Ihnen.“
etwas Heiliges erlebt. Ehe ich fortging, dankte ich Gott
für alles, was ich empfangen hatte. Dann nahm ich Abschied von meinem lieben Freund,
Bruder und Vater.
Unten angekommen, befragte ich die Mutter der Erscheinung – die Ehegattin des Priesters – über die Wahrheit dieses Problems.
„Hatten Sie ein Kind“, so fragte ich sie, „das im Alter von siebzehn Monaten gestorben ist? Einen Jungen? Würde das Kind, wenn es am Leben geblieben wäre, heute siebenunddreißig Jahre alt gewesen sein?“
An der Wahrheit brauchte ich nicht zu zweifeln, da sie heftig zu weinen begann.
„Ja“, sagte sie, „unser Junge ist so jung gestorben.“
„Ach“, dachte ich, „welch ein Wunder.“ Wie groß war diese Wahrheit, wie heilig war alles.
Nun hörte ich Alcar sagen: „Sage ihr, dass du mit ihrem Kind gesprochen hast, sie soll es wissen.“
Darauf fuhr ich fort: „Soeben habe ich etwas Schönes erlebt. Ihr Kind manifestierte
sich bei seinem Vater.“
Darauf sah ich, dass sich die Erscheinung zurückzog und auflöste.
Ich fühlte mich schweben, spürte mich selbst nicht mehr, denn ich hatte Doch ich spürte, dass sie nicht wusste oder verstand, was Manifestieren war, und dass ich nicht fortfahren sollte; dies war zu tief, zu unwirklich. Übernatürliche Dinge konnten die Menschen nicht annehmen, und folglich verabschiedete ich mich von ihr.
Den ganzen Vormittag hatte ich nicht den Mut, um über dieses Problem weiter nachzudenken.
Dafür musste ich ruhig sein, es hatte auch mich mitgenommen. Viele Probleme spukten
mir durch den Kopf, ich sah Tiefen und Aussichten an dem noch so unbekannten menschlichen
Horizont. Ein furchtbares Etwas trübte all diese
Herrlichkeit, all dieses Schöne,
und das war der Tod. Dieses Bild zerstörte alles, sodass der Mensch das ewige Leben
nicht annehmen konnte. Die Leute zuckten die Achseln und kehrten zu ihrem täglichen
Kram zurück. Der Tod vernichtete das Glück der Menschen, er brachte Leid und Schmerz
und konnte doch nur großes Glück bedeuten. Er legte seinen Todesschleier vor das
ewige Licht und verschleierte die heilige Wahrheit – und nur, weil die Menschen das
selbst wollten. Sie liebten ihn und wollten das Licht nicht sehen. Doch hier hatte
es sich bewahrheitet, dass der Tod Leben bedeutete. Ein Kind von siebzehn Monaten
kehrte im Mannesalter wieder und sagte, dass es in den Sphären des Lichts, im ewigen
Leben aufgewachsen sei. Dieses Kind lebte in himmlischer Schönheit.
Und wie groß
war diese Weisheit. Wie wunderlich tief, als wie mächtig erwies sich alles. Ein Kind,
das früh die Erde verlassen hatte, kehrte wieder, weil es wusste, dass sein Vater
sterben würde. Die siebzehn Monate und siebenunddreißig Jahre umschlossen ein Leben.
Für den Menschen auf Erden lag über all diesem Großartigen ein Schleier, doch ich
sah hindurch und begriff alles. Gottlob, dass wir dies nunmehr mit denjenigen ausrufen
können, die uns vorausgegangen sind, die zu uns wiederkehrten, um es uns zu sagen.
Sie rufen ganz laut: „Es gibt keinen Tod, es gibt nichts als Leben!“ Oh Gott, welch
ungeheure Wahrheit und welch großes Glück gibst Du dem Menschen. Doch sie werden
die Wahrheit nicht annehmen, ehe sie es selbst sehen. Sie wollen und können nicht
akzeptieren und haben Angst, dass ihr eigenes Gebilde der Wissenschaft einstürzen
wird. Sie glauben lieber an jenes vortierische Wesen, an einen Tod, der sie ängstlich
macht, und der Leid und Schmerz bringt, wo Glück herrschen könnte. Sie schlafen ihren
geistigen Tiefschlaf und werden weiterschlafen. Sie hören die sanfte, aber deutliche
Stimme nicht; sie wollen diese nicht hören und ihr Seelenhäuschen ist und bleibt
geschlossen.
Muss der Tod weiterhin existieren, weiterhin fortfahren, des Menschen Glück zu vergällen? Ist es denn kein Glück, dass man die Wahrheit bereits auf Erden empfangen darf, und ausgerechnet durch Vermittlung derer, die vor uns hinübergingen? Öffnet doch euer Haus und empfangt das Leben! Es kann euer Kind, eure Schwester, euer Bruder, es kann Vater oderMutter sein, die darum bitten, eintreten zu dürfen. Gibt uns diese Gewissheit nicht die Kraft, um alles, was Gott uns zu tragen gibt, auf unsere Schultern zu nehmen? Gibt es uns keine Antwort auf unsere Frage: Wo sind unsere Toten? Leben sie? Wie lange hat sich der Mensch das nicht gefragt? Nun erhalten wir eine Botschaft von ihnen, von unseren Lieben. Sagt es uns nicht, dass die Liebe uns verbindet, und dass sie uns ewig so verbunden sein lässt?
Um das Haupt des Priesters lag eine Aureole der geistigen Wahrheit, von seinem eigenen
Kind gewoben. Durch ihn lernten wir das ewige Leben kennen. Wenn ein einziger derer,
die ihn lieb haben, diese Botschaft annehmen wird und wenn sich der Tod auflösen
wird, lohnt das Werk die Mühe, dann ist die Wiederkehr seines Kindes belohnt.
Ich
hatte in dem Priester einen großen Spiritisten kennen gelernt, der sich nicht als
Spiritist bezeichnete. Er war es jedoch mit Leib und Seele, denn er war Geist und
lebte. Das ist nun der Spiritualismus.
Das ist es nun, was der Mensch Teufelswerk nennt und wovor man sich ängstigt. Auch der Spiritualismus wurde ebenso wenig wie der Tod verstanden, doch beide bedeuteten Geist und Leben. Durch all dies lernte der Mensch einen heiligen Spiritualismus kennen. Darin löste sich alles Elend auf und der Tod wurde „Leben“ und lächelte sanft wie das süße Lächeln eines Kindes. Der Teufel, der sich hinter dem Spiritualismus verbarg, hatte sich in ein himmlisches Wesen verwandelt.
Der Tod ging darin über, beide waren eins, Brüder im Geiste.
Ich hätte wohl stundenlang weiter darüber nachdenken können, es schien kein Ende zu nehmen, denn das Ende dieses wunderbaren Geschehens,dieses Problems, lag in der Ewigkeit. Dort existierte es; das Problem war der Mensch, das Kind Gottes.
Noch hatte ich nicht alles empfangen; noch war ich der stets größeren
Wahrheiten und Wunder als der, die ich bisher empfangen hatte, unkundig. Aber bald sollte ich auch diese erleben.
Es wurde Samstagmorgen, und wie üblich ging ich zu dem Kranken.
In seinen Augen lag
nun ein Glanz, den ich in den Sphären des Lichts, bei den Engeln, die dort verweilten,
wahrgenommen hatte.
Diesen Glanz konnte man auch bei Kindern sehen; die Reinheit der Seele strahlte aus
diesen kleinen Wesen. Ich stand vor seinem Bett, und der Priester öffnete seine Augen.
Eine Woge der Liebe durchströmte mich, zwei Augen ergründeten, zwei Augen fühlten,
zwei Augen sandten Liebe zu mir und erzählten vom Dahinscheiden. Sie schlossen sich
ganz sanft, ganz langsam, und ich wusste: sie schlossen sich für diese Erde. Ich
war erschüttert. Würden sie sich nicht mehr für mich öffnen? „Wie hast du dich verändert“,
dachte ich, „mein lieber Freund und Vater. Lange wird es nun nicht mehr dauern.“
Ich dachte an den Beginn, als meine Patientin zu mir kam und mein Führer Alcar mir
die Nachricht vom herannahenden Ende durchgegeben hatte. Wie wahr war alles, wie
lauter, und welch eine Macht lag in diesem Geschehen verborgen. Wenn sie es wollten,
wussten die Geister alles und konnten sie alles über den Menschen wissen. Würden
seine Lippen noch sprechen? Würden diese lieben blauen Augen mich noch einmal ansehen?
Sollten sie sich wirklich nicht mehr öffnen?
Die wenigen Schritte von der Rückseite
des Bettes, wo ich stand, zu dem Platz, wo ich stets saß, schienen mir eine Ewigkeit.
Ich fühlte es, es kam etwas in mich, das mir sagte, dass er nicht mehr sprechen oder
schauen würde. In ihm lag die ewige Ruhe, und diese Ruhe ging in mich über. Neben
ihm wachte noch stets das junge himmlische Wesen, sein Kind, das man tot wähnte.
Ich sah und fühlte das Wesen, und es hatte seine schönen Hände auf das Haupt seines
Vaters gelegt. Ein starkes Licht bestrahlte den Priester. In diesem Licht, das ihn
umgab und in ihm war, würde er hinübergehen. Er würde in den Sphären der Liebe und
des Glücks erwachen und leben.
Ich fühlte die Stille des Geistes, und in diesem Zustand konnte man nur noch fühlen,
das gesprochene Wort würde die Ruhe stören. Ich betete innig, dass es nicht mehr
lange dauern möge. Wie erhaben war dieses Sterben! In der Erscheinung lag die Geduld
der Ewigkeit. Seine reinen Hände strahlten dieses Licht aus. Der Priester war in
einen tiefen Schlaf versunken; der heilende Magnetismus hatte ihn in den Schlaf gewiegt.
Einige Minuten waren verstrichen, als ich bereits vernahm, dass ich aufhören solle.
Es war mein Führer, der mir diesen Auftrag gab.
Gleichzeitig hörte ich: „Nimm Abschied von ihm, Jozef.“
„Geht er denn hinüber?“, dachte ich.
„Das wirst du bald wissen, nun gehe!“
Ich blickte zum letzten Mal auf ihn, der ein Freund und Vater für mich war.
„Leb wohl, braver Priester, viele werden dich vermissen.“
An der Tür blieb ich stehen. Würden sich seine Augen noch einmal öffnen? Sagen diese Lippen nichts mehr, haben sie nichts mehr zu sagen? Er lag da wie ein Marmorbild. Selbst seine Atmung schien eingeschlafen zu sein. Ich musste etwas Schönes zurücklassen, aber ich sollte etwas noch Schöneres wiedererhalten. Doch davon wusste ich noch nichts; das alles sollte ich später erleben.
Dort lag ein Mensch, der würdig war, diesen Namen zu tragen. Wie schön war dann ein
Mensch; dann strahlte er, dann war er der kosmisch Erwachte. Siehe, dann war der
Mensch ein Kind Gottes, so wie Gott all Seine Kinder sehen wollte. Wie herrlich wäre
doch die Welt, wenn alle Menschen so wären! Nun spürte ich einen Drang, dass ich
fortgehen müsse; Alcar schickte mich aus dem Zimmer. Unten fragte man mich wieder,
ob es noch lange dauern würde; doch ich wusste noch nichts, wünschte ihnen Kraft
und Stärke und ging fort.
Das alles erleben zu dürfen, war doch wohl eine große Gnade.
Es zu fühlen war geistiges Glück, es sehen zu dürfen, war noch wunderbarer.
Der Priester war wie ein Kind, er war Vater, Seelenhirte und Freund für jedermann, der seiner Hilfe bedurfte. Als Kind würde er in die Sphären des Lichts eingehen, als Vater und Seelenhirte war er die treibende Kraft und der rettende Engel. Ich sah in ihm das Symbol von Glück und wahrer Menschlichkeit. Die Strahlen des ewigen Lebens nährten sein Tagesbewusstsein, darin hatte er gelebt.
Sonntag und Montag gingen vorüber, und ich vernahm nichts mehr von ihm. Montagabends
sollte ich wie gewöhnlich noch einen Patienten behandeln. Pünktlich trat der Mann
ein. Während der Behandlung erlebte ich jedoch die wunderlichsten Dinge, wie ich
sie als Medium noch nicht erlebt hatte. Ich spürte eine andere, zugleich heftige
Einwirkung. Diese Einwirkung war nicht wie üblich und ich überlegte, was das wohl
zu bedeuten hätte. Der Mann, den ich behandelte, spürte nichts davon, es war allein
für mich bestimmt.
„Jozef“, sagte er, „ich schwebe, ich schwebe! Nun werde ich sterben;
oh, wie wunderschön ist es hier, Jozef. Wirst du mir beistehen?“
„Natürlich werde ich Ihnen beistehen.“
Ich glaubte in den Boden zu versinken. Ich sah ihn lächeln, sah sein besonderes und
schönes Lächeln. Auch in jenem anderen Leben hatte er dieses nicht verloren. Wie
wundersam war alles; mir fehlten dazu die Worte. Meine Gedanken schwirrten mir durch
den Kopf, ich konnte mich fast nicht mehr konzentrieren. Nun spürte ich, dass mir
von Alcar geholfen wurde. Wie schön war er! Neben ihm sah ich ein junges und prachtvolles
Wesen, das ich kannte. „Auch das noch“, dachte ich, „das ist sein Sohn, wie ist das
möglich.“ Der Priester schien sich bereits verjüngt zu haben, und trotzdem war er
noch mit seinem Stoffkleid verbunden. Vater und Sohn waren bereits vereint. Dieser
Augenblick war unvergesslich. Gern hätte er sich all seinen Lieben gezeigt, doch
das war nicht möglich. Hier neben mir stand der Priester mit seinem eigenen Kind.
Trotzdem musste er noch einmal zurückkehren. Doch es würde nicht mehr lange dauern,
bis er frei von den irdischen Bindungen war und gehen konnte, wohin er wollte. Ein
sterbender Mensch war aus seinem Körper getreten. War das nicht wundersam?
„Alcar“,
hörte ich ihn sagen, „Alcar ist hier; ich habe ihn gesehen.
Wundervoll, Jozef.“
Noch immer stand er neben mir, er lebte mehr als je zuvor. Ein derartiges Wunder hatte ich noch nicht erlebt. Ich hatte viele hinübergehen sehen, doch nicht ein Einziger trug den Besitz, den er offensichtlich hatte. Aus ihm strahlte die ewige Ruhe. Ich spürte, dass mein Herz heftig klopfte. Er hatte sich in nichts verändert; nur jünger war er geworden. Der Priester sah mich an und sagte: „Die Bücher, Jozef, alles ist Wahrheit! Wundervoll!“
Das war zu viel für mich; daran hatte ich noch nicht gedacht. Dass man aus dem Jenseits kam und darüber berichtete!
„Ich kann noch nicht viel sagen“, fuhr der Priester fort, „alles, was darin steht, ist Wahrheit, Jozef.“
Dicke Tränen des Glücks flossen über seine Wangen; es war sein Glück, dass er mir all das mitteilen konnte.
„Nun muss ich gehen“, hörte ich ihn noch sagen, „doch ich werde wiederkehren.“
Die Geistererscheinung von Priester X und die seines Sohnes lösten sich vor mir auf, und ich wusste, wohin sie gingen. Zurück zu seinem Stoffkleid, um seine letzten Stunden auf Erden zu erleben.
Wie dankte ich Gott, dass ich so etwas Schönes und Erhabenes hatte erschauen dürfen.
Wie sollten wir alle Gott dafür danken, dass uns die Beweise des Fortlebens gegeben
werden. Durch Ihn erhielt ich Beweise, woran ich niemals gedacht haben würde, und
all dies diente dazu, die Menschheit von einem Leben nach dem Tode zu überzeugen.
All dies geschah während der Behandlung meines Patienten, und dieser hatte weder etwas gehört noch gefühlt oder gesehen. Alles fand außerhalb seines Bewusstseins statt, da er nicht „verbunden“ war.
„Würde er mir glauben können“, dachte ich, „wenn ich ihm sagte, was ich soeben hatte
erleben dürfen?“ Der Mann würde nachdenken und nochmals nachdenken; um dann trotzdem
nichts sagen zu können, da er dieses Rätsel nicht lösen konnte. Dies alles war für
ihn zu tief.
Ich war mit drei Wesen in Verbindung gewesen. Ich behandelte einen Menschen,
nahm ihm die Schmerzen, womit er gekommen war und sprach mit Wesen im Geiste, von
denen eins im Sterben lag.
Welch ein Wunder an Naturkraft!
Dennoch war alles einfach, wenn man jene Kräfte kannte
und sah, hörte und fühlte, wenn man sie annehmen wollte. Wenn man den Blick besaß,
um zu sehen, das Gehör, um zu hören, um ihre sanften aber deutlichen Stimmen auffangen
zu können, dann waren all diese Probleme keine Probleme mehr und war das Wunder kein
Wunder, sondern waren es menschliche Kräfte des Geistes, dann war es die Liebe, die
das Wesen besaß. Für mich löste sich dieses Problem, und es war ein natürliches Geschehen.
Aber wer dies nicht sehen oder fühlen kann, der lacht über alles. Wer diese Abstimmung
nicht besitzt, lacht, doch er lacht über seine eigene Dummheit.
Menschen auf Erden, sagt es euch nichts? Stimmt es euch nicht glücklich? Nehmt ihr
an, dass ihr ewig lebt? Dass wir stets vorwärts schreiten und unseren Weg fortsetzen
werden, dass ihr euch von einem Planeten zum anderen weiterentwickeln werdet? Fühlt
ihr, dass das Leben auf Erden bereits die Ewigkeit ist? Dass das ewige Leben in uns
liegt?
Zeigen euch diese Beweise nicht, dass diejenigen, die auf Erden gestorben
sind, in einem anderen Zustand leben? Es liegt an uns, ob sie uns diese Beweise geben
können. Wir müssen uns öffnen, die Türen unserer Seelenwohnung öffnen. Dann werden
wir empfangen, viel empfangen, sehr viel Schönes. Unsere Lieben werden wiederkehren,
um uns in den letzten Stunden beizustehen. Sie geben uns Beweise, dass sie uns erwarten.
Lacht also nicht über eine Wissenschaft, die ihr weder kennt noch in euch fühlt.
Lacht nicht über eine andere Religion und verflucht keinen anderen Menschen, denn
ihr verflucht eure eigene ewige Abstimmung. Lebt ein Leben im Geiste, und die Schätze
des Geistes werden euch in den Schoß fallen. Dann werden sich die Pforten der Hölle
für euch nicht öffnen, denn die Sphären des Lichtes erwarten euch. Doch der Mensch
verflucht sich selbst, wenn er nur an sein Stoffleben denkt und sein Inneres, jenen
ewigen Körper, vor geistigem Hunger sterben lässt. Ein geistiger Untergang ist ein
in Lumpen gehüllter Eintritt in das Land des ewigen Friedens.
Tausende Jahre sind
bereits vergangen, und noch lacht der Mensch über all diese Wunder. Noch verspottet
er jene Wunder und fühlen Gelehrte sich „gelehrt“.
Hört ihr die Geister klopfen? Sie klopfen an eure Wohnung, doch ihr wollt sie nicht
hereinlassen, und trotzdem bitten sie euch, die Tür zu öffnen. Der eine klopft leise
und der andere ganz laut. Alle klopfen, aber der Mensch hält die Tür seiner geistigen
Wohnung verschlossen.
Niemand wird hereingelassen.
Ach, Mensch, sei nicht ängstlich, sie machen nichts kaputt, sie kommen mit nichts als Liebe; sie treten sachte ein und bringen dir geistige Weisheit. Sie bringen dir Licht, viel, sehr viel Licht und die Grüße deiner Lieben, die vor dir hinübergegangen sind.
Doch die Leute sagen: „Ich will mit all dem nichts zu tun haben.“ Sie verbarrikadieren
ihre Türen und wollen darüber nicht sprechen.
Das Geklopfe langweilt sie, sie leben
in einer modernen Zeit und brauchen jene Liebe nicht, da sie ihre eigene Liebe besitzen.
Doch welche?
Die Eigenliebe! Dann fällt die Tür zu und der Geist verschwindet.
Und die wenigen,
die aufgetan haben, haben es bald wieder vergessen oder sie sind enttäuscht, da die
Liebe, die der Geist bringt, ihren Verstand übersteigt. Sie wollen jenes Leben nicht;
sie können jene Liebe nicht begreifen, weil diese zu teuer bezahlt werden muss und
es zu viel Kampf erfordert. Für die geistige Liebe muss man sich selbst verlieren,
muss man seine ganze Persönlichkeit ablegen. Aber die Leute bleiben taub und hart;
sie wollen jene Liebe nicht fühlen und jenes Klopfen nicht hören. Sie sind nicht
zu überzeugen. Sie sehen in diesen Geistern „Fremde“ und wollen nichts damit zu tun
haben. Aber wenn sie wirklich sehen wollen, dann steht dort vor ihnen ihre Mutter
oder ihr Vater, ihre Schwester oder ihr Bruder. Diese sind es, die mit einem Herz
voller Liebe wiederkehren, um auch sie zu erwärmen.
Aber so einen Toten will man nicht kennen. Trotzdem werden sie alle wiederkehren, immer und immer wieder, bis dass die Türen auf ewig offen bleiben. Dann erst findet der Geist Ruhe und sind alle vereint.
Dann sind Kirche und Spiritualismus eins und ist der Tod „Leben“ geworden.
Sind sie nicht liebevoll, die zu uns wiederkehren? Ist all das nicht der Mühe wert, um einmal darüber nachzudenken? Hier war es ein Kind, das klopfte, und Gott sei Dank, es wurde gehört. All das muss man so richtig erfühlen. Streckt eure geistigen Fühler aus und ertastet jenes unsichtbare Leben; es sind Tausende da, die euch helfen werden.
Indem ihr fühlt, werdet ihr sehen, und dieses Sehen ist gleich Wissen. Dann erst
bricht ein Menschenherz und neigt der Mensch sein Haupt. Viele ändern sich noch rechtzeitig,
und für andere ist es zu spät. All dies könnte in ihrem düsteren Leben Nahrung sein,
die das Licht bringt. „Wie wahr ist alles“, dachte ich, genauso wahr, als dass der
Mensch ein Herz besitzt und weiß, dass er Mensch ist.“ Aber den Menschen als wirklich
lebenden Menschen kennt man nicht; ist das nicht schrecklich? Der wirklich lebende
Mensch muss dem verschlossenen sagen, dass dieser lebend tot ist. Der Mensch kann
die Tiefe einer Seele nicht ergründen. Er kann das unsichtbare Leben nicht annehmen.
Und dennoch lebt es in ihm, ja er selbst ist das große Problem. Trotzdem verflucht
er und fährt fort, alles zu verfluchen, was er nicht begreift, also auch sich selbst.
Wenn Geister zu uns wiederkehren, die das ewige Leben kennen gelernt haben, sollten
wir davor dann unsere Augen verschließen? Dürfen wir ihnen zurufen:
„Geht an unserer
Tür vorbei?“ Können wir sie nicht einen Augenblick hereinlassen? Sie werden uns in
unbekannte Gefilde führen und uns ungeahnt schöne Aussichten in strahlendem Glanz
zeigen. Sie werden von der Schönheit und Pracht der Natur sprechen und uns über Meere
lotsen, zwischen gefährlichen Klippen hindurch, und die Stürme zu umsegeln wissen.
Als mein Patient fortgegangen war, sagte Alcar zu mir, dass ich die erhaltenen Beweise festhalten solle. Ich erzählte einem Freund und meiner Frau, was ich erlebt hatte, und dass der Priester in dieser Nacht sterben würde.
Am nächsten Morgen, als ich mich angekleidet hatte, sah ich ihn.
Ich spazierte zum Wohnzimmer und spürte, dass ich unter Einfluss kam. Als ich das
Zimmer betrat, sah ich beim Christusbild den Geist von Priester X. Ich erschrak und
blieb stocksteif stehen. In einem strahlenden Gewand stand er dort vor mir und sah
mich mit diesem herrlichen Lächeln auf seinem Antlitz an. Ich sank auf den Diwan
nieder und fühlte, dass ich mit ihm verbunden wurde. Da stand mein Freund, er war
auf Erden gestorben! Er hatte dem irdischen Leben Lebewohl gesagt. Nunmehr war er
auf ewig Geist!
„Nun bin ich gestorben“, hörte ich ihn sagen, „heute Nacht. Oh, es
ist hier so wunderschön!“
Ich weinte, tief getroffen durch so viel Schönes und Heiliges und nickte; konnte aber kein Wort sprechen, es war zu viel für mich.
„Ich bin gestorben und ich lebe“, sagte er wieder. „Ich schwebe, Jozef! Jozef, ich schwebte hierher“, wiederholte er. „Niemand weiß es, nur du. Ich kann noch nicht viel reden.“
Mit Zwischenpausen, Wort für Wort, hatte er gesprochen. Ich sah, dass er seine Augen zum Himmel richtete. Der Priester schaute in den unendlichen Kosmos; dort ging er seiner ewigen Ruhe entgegen, seinem Besitz im Leben nach dem Tode. Er war bereits weit von der Erde entfernt. Das Licht, das er ausstrahlte, war die Liebe, die er in sich trug, entsprach Liebe, Licht und Glück!
„Wohin gehen Sie nun?“, fragte ich nach einer kurzen Weile.
„Jetzt gehe ich schön schlafen“, antwortete er, „ich bin müde.“
Nun sah ich, dass mein Führer zu ihm sprach, und der Priester sah ihn an und ging fort.
„Lebe wohl, mein Jozef“, hörte ich ihn noch sagen, „ich komme wieder“,und er löste
sich vor meinen Augen auf. Dies alles war unbeschreiblich schön.
Am selben Abend
standen alle Zeitungen voll über seinen Tod. Jeder, der ihn gekannt hatte, rühmte
ihn wegen seines edlen menschlichen Gefühls. Ein großer Priester, Vater und Freund
war hinübergegangen; er war unersetzlich. Er hatte seinen Tod im Voraus gefühlt;
ich hatte noch nimmer ein solches Sterben miterlebt. Etwas Derartiges würde ich nicht
so bald wieder erleben.
Vierzehn Tage vergingen. Eines Nachmittags, als ich ruhig in meinem Zimmer saß, sah ich plötzlich den Priester. Alcar machte mich darauf aufmerksam und verband mich mit ihm. Lächelnd trat er auf mich zu.
„Nun ist alles vorbei“, sagte er, „ich bin wach, auf ewig wach.“
Er legte seinen Arm um meine Schulter und schwieg. In Gedanken vertieft stand er da, und ich spürte, woran er dachte. Ein Lebensfilm zog nun an mir vorbei. Dann sah ich den Augenblick unserer Verbindung kommen und darin lagen schöne Abschnitte, zu schön, um sie jemals zu vergessen. Danach sah ich sein Sterben und das Eingehen in die geistige Welt.
Erhaben, mächtig und tief war alles. Als Denker stand er neben mir. Die Weisheit
hatte er im Leben erlangt, und nun war sie sein Besitz. Er zeigte mir viele Zustände
im Geiste, wo er bereits war. Von der Erde gelöst, lebte er in der dritten Sphäre.
Noch eine Sphäre und er würde ins Sommerland eingehen. Dann zeigte er mir ein anderes
Bild. Es war das Bild derer, die ihn zu mir gebracht hatte.
„Danke ihr, und überbringe allen anderen meine Grüße. Ich lebe und bin glücklich. Auf Wiedersehen, Jozef, ich komme wieder.“
Die Zeit brach an, da ich dies alles niederschreiben sollte. Als ich die Botschaft
von Alcar empfangen hatte, sah ich zusammen mit meinem Führer den Priester.
Er war
erfreut, dass er zu mir wiederkehren durfte und alles vom Jenseits aus miterleben
konnte. Neben meinem Schreibtisch nahm er Platz, und als das geschehen war ging er
wieder fort. Er hatte noch nicht viel zu berichten.
„Später“, sagte er, „ich muss mir erst vieles zu Eigen machen, alles erst sehen!“
Eine Beschreibung seiner Sphäre konnte er nicht geben. Er war kein Mensch der vielen
Worte und musste das geistige Dasein noch kennen lernen. Ich aber kannte die dritte
Sphäre, ich war mit meinem Führer dort gewesen, und ich kannte auch das Glück, das
diejenigen besitzen, die dort leben. Sie alle sind Geister des Lichts und besitzen
Liebe, reine Liebe. Was soll ich dem noch hinzufügen? Die Beweise sprechen für sich.
Allen Freunden und Familienangehörigen rufe ich von dieser Stelle aus zu: „Ihr geliebter
Priester lebt und ist glücklich. Sie werden ihn wieder sehen, denn er wird Sie nicht
vergessen. Falls dies einen einzigen von Ihnen überzeugen möge, so werden er und
sein Sohn glücklich sein. Er wartet auf Sie und dankt Ihnen für Ihre Liebe.“
Ich habe dies alles wahrheitsgemäß weitergegeben, wie ich es erleben durfte.
Wer sich Meister nennt auf Erden, ist der Schüler im Jenseits.
MEISTER ALCAR.